Geschichte des Buches, Teil 4: Mittelalterliche Schrift

Auch, wenn es nicht „die“ mittelalterliche Schrift gibt, haben die meisten doch eine recht genaue Vorstellung von mühsam mit der Hand geschriebenen und kunstvoll gestalteten Buchseiten. Die Zeit, die wir als Mittelalter beschreiben, war dabei eine Zeit großer Entwicklungen – gerade auch was die Schrift angeht.

 

„Das“ Mittelalter – gibt es gar nicht

Vom Mittelalter hat jeder eine recht genaue Vorstellung: Es war dreckig, die Menschen hatten anders als in Hollywood-Filmen schlechte Zähne, die Bauern waren arm und die Burgfräulein trugen spitze Hüte und Keuschheitsgürtel. Schrift und Bücher waren allein der Kirche vorbehalten, weshalb die armen Bevölkerungsschichten ungebildet waren und keine Chance hatten, etwas an ihrer Situation zu ändern.

Davon ab, dass dieses Bild des Mittelalters nicht ganz korrekt ist, zeigt es doch deutlich, welche Rolle die Schrift und die Fähigkeit spielen, Wissen festzuhalten oder sich durch Lesen anzueignen. Wer nicht lesen kann, hat keinen Zutritt in ein gigantisches Feld von Wissen und gerät gegenüber denen, die auf dieses Wissen zugreifen können, ins Hintertreffen. Das war auch den Bürgern des Mittelalters bewusst.

mittelalterliche Schrift_live geschriebenWenn man über das Mittelalter spricht, kommt es sehr auf die genaue Zeit an. Im Frühmittelalter (500 – 1050 n.Chr.) war es tatsächlich nur der Klerus, der das geschriebene Wort beherrschte. Der Adel war in dieser Hinsicht ebenso unwissend wie die einfache Landbevölkerung. Ab dem 11. Jahrhundert entstanden erste Klosterschulen, in denen erst adelige Sprösslinge und später auch die Söhne reicher Bürgerlicher in den Genuss von Bildung kamen. Im Hochmittelalter (1000 – 1250 n.Chr.) machte der wachsende Handel es zumindest für Teile der Bevölkerung auch notwendig, das Lesen und Schreiben zu beherrschen. Das Spätmittelalter (1250 – 1500 n.Chr.) ebnete schließlich den Weg für die Bildungsreformen in der Renaissance.

Aber bereits zu dieser Zeit konnten auch Bauernjungen Dorfschulen besuchen. Wie Terry Jones in seiner wirklich empfehlenswerten Reihe „Terry Jones‘ Medieval Lives“* zeigt, gab es durchaus auch Bauern, die in der Lage waren, Dorfschulen besuchten oder Ahnung von den Gesetzen hatten. Die Bauernaufstände von 1381 wurden vermutlich auch durch Briefe koordiniert, welche die Landbevölkerung sich schrieb und zusteckte.

 

Die mittelalterliche Schrift hat römische Wurzeln

mittelalterliche Schrift_Capitalis monumentalisDie Schrift des römischen Reiches, das lateinische Alphabet, war eine Schrift aus Großbuchstaben. Die Capitalis monumentalis wurde für in Stein gemeißelte Inschriften verwendet und orientierte sich an den geometrischen Formen Quadrat, Kreis und Dreieck. Die Serifen oder „Füßchen“ der Buchstaben entstanden durch das Ansetzen des Meißels.

Für handschriftliche Texte wurde die Capitalis quadrata verwendet, die sich an den Buchstaben der gemeißtelten Inschriften orientierte und ebenfalls Serifen vorwies. Erst, als im 4. Jahrhundert das im Vergleich zum Papyrus glatte Pergament aufkam wurde die Schrift runder und geschwungener. Es entstand die Unziale, die ebenfalls eine Schrift aus Großbuchstaben war und in Westeuropa als Schrift der frühchristlichen Literatur verwendet wurde. Die Capitalis ist genaugenommen noch keine mittelalterliche Schrift, aber ihr direkter Vorgänger.

Als das römische Reich zerfiel, waren es durch die Ausbreitung des Christentums die Mönche, welche das Schreiben beherrschten. Während der nächsten Jahrhunderte entwickelten sich in den verschiedenen Ländern ganz eigene Schriften, so dass die mittelalterliche Schrift nicht gibt.

mittelalterliche Schrift_karolingische MinuskelIm 8. Jahrhundert ist es Karl dem Großen, einem großen Fan von Bildung und Wissen, zu verdanken, dass eine neue mittelalterliche Schrift entstand: die karolingischen Minuskel. Diese Schrift besteht aus Kleinbuchstaben, die leicht und schnell zu schreiben war. Da die Buchstaben einzeln standen und nicht miteinander verbunden waren, konnte sie zudem auch sehr gut gelesen werden. Überschriften und Initiale wurden aber weiterhin mit Unzialen oder den römischen Capitalis geschrieben.

Eine ebenfalls sehr bekannte Schrift ist Textura. Diese mittelalterliche Schrift entstand zusammen mit der gotischen Architektur im 12. Jahrhundert und kopiert diese. Die Buchstaben sind schmaler, höher und spitz. Die Rundungen werden gebrochen, wodurch die Bezeichnung Fraktur entstand. Da die Abstände zwischen den Buchstaben und Zeilen kleiner wurden, sehen beschriebene Seiten aus wie mit einem Gewebe überzogen.

Über die Jahrhunderte entwickelte die Textura sich weiter, bis sie im 15. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte. Auch die Geschichte der Schrift erlebt im 15. Jahrhundert einen Höhepunkt: Johannes Gutenberg entwickelt ein Verfahren, mit dem schnell und günstig große Mengen von Büchern produziert werden können. Er produziert die Bibel für jedermann, die sich jeder leisten kann – in der Textura. Doch davon mehr im nächsten Teil dieser Reihe.

photo credit: medieval writing by Hans Splinter via photopin cc
photo credit: The Fasti Praestini 2 by Ian Scott via photopin cc
photo credit: Parchment leaf from a liturgical music ms. (probably an antiphonary) used as binder’s waste by POP via photopin cc

(*=Affiliatelink)

Frauke Bitomsky

Frauke Bitomsky ist Teil des Teams von Liber Laetitia. Wir zeigen Autoren, wie sie sich und ihre Bücher effektiv, zeitsparend und rechtssicher im Social Web präsentieren können.

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Über Frauke Bitomsky

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2 Gedanken zu „Geschichte des Buches, Teil 4: Mittelalterliche Schrift

    1. Vielen Dank für das Lob.

      Das stimmt, „Fan“ ist nicht der richtige Begriff und stark untertrieben. Eigentlich hätte er auch einen eigenen Blogartikel verdient. Hier wurde der gute Karl das Opfer von meinem Versuch, einen kurzgefassten Überblick zu geben. 😉

      Viele Grüße
      Frauke

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